19.11.2017 · Redaktion
Sei selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst.

Die Gaggenauer Altenhilfe geht neue Wege in der Pflege – und der Geschäftsführer Peter Koch schlägt neue Töne bei der Betriebsversammlung an. Für alle, die am 13. November nicht dabei sein konnten, hier die Rede zum Nachlesen:

Rede Peter Koch 
Betriebsversammlung, 13.11.2017

Meine sehr geehrten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
sehr geehrte Mitglieder des Betriebsrates,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Florus,
meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen,

Ich freue mich, dass ich auch in diesem Jahr wieder die Gelegenheit erhalte, im Rahmen der Betriebsversammlung zu Ihnen zu sprechen und bedanke mich recht herzlich bei dem Betriebsrat für die Einladung und die Gelegenheit hierzu. Auch möchte ich an dieser Stelle meinen Dank für die gute Zusammenarbeit mit dem Gremium aussprechen und hoffe, dass wir auch nach der anstehenden Betriebsratswahl die Arbeit zum Wohle aller Mitarbeiter der Gaggenauer Altenhilfe fortführen können.


1. Intro

Ich könnte Ihnen jetzt wieder eine Fülle von Zahlen präsentieren und über den, dank der Unterstützung der Mitarbeiter und des Gemeinderats ermöglichten, positiven Jahresabschluss 2016 berichten.

Ich könnte über das laufende Jahr 2017 berichten, dass sehr stark von der Sanierung und Teilfertigstellung unseres Helmut-Dahringer-Quartiershauses geprägt war und ist. Das Jahr 2017, das erwartungsgemäß nicht so positiv abgeschlossen werden kann wie das Vorjahr.

Auch könnte ich über die ersten Anzeichen eines gravierenden Wandels in der Pflege in Deutschland, Baden-Württemberg und bei uns in Gaggenau berichten. Über Stellenausschreibungen, die flächendeckend nicht mehr auf viele Bewerber treffen, da der Markt an Pflegekräften leergefegt ist. Über Einrichtungen – und dies trifft leider zwischenzeitlich auch auf unser Oskar-Scherrer-Haus und Gerhard-Eibler-Haus zu –, die freie Pflegeplätze nicht mehr belegen können, da nicht die geforderte Personalmenge vorgehalten werden kann.

Ich könnte darüber sprechen, dass aktuell viele Fremdarbeiter in der Pflege eingesetzt sind, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und darüber, dass diese Situation für die Stammmitarbeiter sehr belastend ist und dies auch für die Leitung keine Lösung auf Dauer darstellt.

Ich könnte über die Ängste der Mitarbeiter sprechen, die ihren Beruf lieben und gerne ausreichend Zeit für die Bewohner hätten, damit sie zufrieden in den Feierabend gehen können.

Ich könnte über die schlaflosen Nächte der Einrichtungsleitungen und Pflegedienstleitungen sprechen, die für ihre Mitarbeiter gute Rahmenbedingungen schaffen wollen und den Bewohnern die bestmögliche Versorgung bieten wollen und das Gefühl haben, den Anforderungen der einzelnen Gruppen und nicht zuletzt den Forderungen des Gesetzgebers und der Aufsichtsbehörden nicht mehr gerecht werden zu können.

Ich könnte über die Angst sprechen, die uns in althergebrachten Mustern denken lässt, – wenn nicht genug Geld da ist, dann muss man zuerst bei den Mitarbeitern und bei den Arbeitsmitteln sparen. Man darf sich nicht auffallend in der Öffentlichkeit bewegen, muss sich demütig seinem Schicksal ergeben.

Ich könnte darüber sprechen warum das Dahringer-Haus so schön ausgestattet sein muss, warum unsere Fahrzeuge in einem so schönen Kleid daherkommen,, warum wir uns mit einer neuen Unternehmenskommunikation nach außen und innen beschäftigen und für das Weihnachtsgeld kein Geld da sein soll.

Ich könnte über meine persönlichen Ängste zu Ihnen sprechen, die mich zum Jahreswechsel 2015/2016 umgetrieben haben, zu der Zeit, da die Gaggenauer Altenhilfe gefühlt am Abgrund stand und wir nur in einem Verzichtsbeitrag der Mitarbeiter und in der Unterstützung durch den Gemeinderat eine Lösung sahen und sie glücklicherweise auch gefunden haben, wofür ich weiterhin sehr dankbar bin.

Darüber, dass es mir, der gesamten Geschäftsführung und auch dem Vorstand mit diesem Weg nicht besonders gut geht und das wir liebend gerne hierauf verzichtet hätten.

Ich könnte darüber sprechen in einem Muster des Jammerns und der negativen Gefühle und Einstellung, zu verharren.


2. Vision

Aber dies möchte ich an dieser Stelle nicht tun.
Ich möchte Ihnen davon berichten, dass ich für mich persönlich eine Entscheidung getroffen habe, mich mit dieser Situation nicht zufrieden zu geben und mich meinem vermeintlichen Schicksal zu ergeben. Nicht mehr so weiter zu machen wie die vergangenen zwanzig Jahre, sondern einen grundlegenden Wandel bei mir persönlich und in meinem Umfeld anzustreben.

Ich möchte Ihnen meine Vision vorstellen, für die ich meine ganze Kraft einsetze.

Eine Vision – Das Alter neu zu denken und neue Wege in der Pflege zu gehen.

Die Vision, althergebrachte Muster und Verhaltensweisen zu überwinden.
Die Vision, dass es einer Gemeinschaft aus Menschen, die in einer Pflegeeinrichtung (sei es im Pflegeheim, in der Hausgemeinschaft, im Betreuten Wohnen, in der ambulanten Versorgung) arbeiten, leben und betreut werden, möglich ist, glücklich zu werden. Dass eine starke Gemeinschaft in der Lage ist, Großes zu bewirken.

Dass es möglich ist, eine neue Kultur des Miteinanders zu entwickeln, die von Wertschätzung, Respekt und Liebe geprägt ist. Dass ein Raum geschaffen werden kann, in dem jeder kreative Ideen einbringen darf, in dem neue Dinge entwickelt und ausprobiert werden dürfen. In dem jeder seine Potenziale entfalten und weiterentwickeln kann. Ein Raum, in dem Fehler erlaubt sind, wo Neid und Angst überwunden werden. Wo ein WIR entsteht, wo WIR uns als Wegbegleiter verstehen und an der Hand nehmen, wenn es auch mal schwerfällt.

Ich bin davon überzeugt:
„Es ist möglich, in der Pflege glücklich und zufrieden zu arbeiten!“


3. WIR


Und aus dieser persönlichen Vision ist mit vielen Gleichgesinnten die Idee des WIR entstanden. All dies kann eine einzelne Person nicht erreichen. Es bedarf einer starken Gemeinschaft von Wegbegleitern, die diese Vision teilen, mittragen, weiterentwickeln und im täglichen Leben und Arbeiten umsetzen. Hier bin ich für alle dankbar, die diese Überlegungen mitentwickelt haben und noch weiterentwickeln werden. Für die vielen Gespräche, die schon gelaufen sind, z.B. bei unseren WIR-Wanderungen im Frühjahr und die vielen Gespräche, die noch kommen werden.
Ich lade alle ganz herzlich ein, sich hier aktiv, konstruktiv und kontrovers einzubringen.


4. Mut

Es gehört Mut dazu, dies umzusetzen, da es doch auf den ersten Blick etwas befremdlich anmutet und sicher ein Stück weit Angst macht. Es gehört Mut dazu, althergebrachte Wege zu verlassen, alte vermeintlich einfache Muster zu überwinden.
Doch wenn wir mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sind, dann kann nur ein radikal neuer Weg etwas bewirken. Das Verharren in den alten Denkmustern lähmt uns, ist nicht attraktiv und frustriert.

Wenn wir den Mut aufbringen, unsere Ideen laut und selbstbewusst zu vertreten. Unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, jeder an seiner Stelle in unserem Unternehmen, dann können wir Großes erreichen. Dann werden wir die Kultur des Miteinanders Stück für Stück verändern. Dann werden wir auch attraktiv für Menschen und Kollegen außerhalb unserer Einrichtung und neue Wegbegleiter gewinnen, die wir so notwendig brauchen. WIR werden eine ungeahnte Strahlkraft entwickeln und es muss uns um die Zukunft nicht bange sein.

Mut haben wir schon bewiesen z.B. mit dem Projekt WIR-Dienstplan, dass doch einen ganz anderen Weg einschlägt, als wir gewohnt sind. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen, die sich mit offenem Herzen auf dieses Projekt eingelassen haben und bei allen, die dieses Projekt ermöglicht haben. Es ist ein gutes Beispiel für eine neue Kultur. Es wurde und wird kontrovers diskutiert, wir sind in der Erprobungsphase und ich würde mich freuen, wenn wir diese Erprobungsphase nochmals verlängern, um mehr Erfahrungen zu sammeln, und ich lade alle ein, sich hiermit auseinanderzusetzen und es kritisch zu diskutieren. Nur so kommen wir voran und können eine positive Veränderung bewirken.


5. Schluss

Und was mir persönlich in den vergangen 1 1/2 Jahren besonders deutlich geworden ist:
Ich brauche nicht darauf zu warten, dass jemand kommt, ob die Politik, die Entscheidungsträger, oder wer auch immer, der die Welt, die Arbeitswelt oder die Rahmenbedingungen in der Pflege nach meinen Vorstellungen positiv verändert.
Nein, ich und jeder einzelne muss bei sich selbst damit beginnen und die Veränderung auslösen.
Der erste Schritt sein auf dem Weg, jeden Tag ein Schritt nach dem anderen gehen, den Mut und die Geduld aufbringen, die Welt positiv zu verändern.
Und wir sind hier nicht allein auf dem Weg. Es gab in der Vergangenheit und gibt in der Gegenwart Menschen und Unternehmen, die auf einem ähnlichen Weg sind, die sich auch für einen Kulturwandel in unserer Gesellschaft einsetzen.
So möchte ich mit den Worten eines kleinen Mannes aus Indien schließen, der verlacht und angefeindet wurde, der sich nicht beirren ließ und der aus seiner tiefen Überzeugung heraus konsequent einen Schritt vor den anderen setzte und so ein Stück weit die Welt verändert hat.

Diese Worte von Mahatma Gandhi sind mir zum Leitspruch geworden: „Sei Du selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst!“

 

Peter Koch
Geschäftsführer Gaggenauer Altenhilfe

 

WIR das bist DU! Diskutiere mit!