15.10.2016 · Redaktion
Zeit – Wer hat an der Uhr gedreht?

Keine Zeit, keine Zeit, ich hab´ doch keine Zeit, keine Zeit

Viele hetzen durch ihr Leben wie das weiße Kaninchen in „Alice im Wunderland“, das, stets den Blick auf die Uhr gerichtet, vor sich hinhechelt „Keine Zeit, keine Zeit, ich hab´ doch keine Zeit, keine Zeit“. Zeit ist zum wertvollsten Gut heute geworden, liest man immer wieder. Aber hatten die Menschen früher wirklich mehr Zeit als wir heute, wenn sie um vier Uhr morgens aufstehen mussten, um ihr anstrengendes Tagewerk zu verrichten: die Tiere versorgen, ihr Land bestellen, Holz hacken, die Wäsche von Hand waschen, eine 10-köpfige Kinderschar großziehen und dazu die Alten und Kranken der Familie im Haus versorgen? Wohl eher nicht. Dennoch fühlt es sich so an, als lebten wir in einem neuen Dauerzustand von Zeitmangel. Privat wie beruflich. Eingezwängt von Leistungsdenken, „Time-is-Money-Kapitalismus“, Kinder-und-Karriere und einer „Immer-schnell-immer-höher-immer-weiter-Mentalität“. Unsere Welt mit ihren High-Speed-Zügen, Autobahnen ohne Geschwindigkeitslimit und Turbo-Abitur scheint sich schneller und schneller zu drehen.

„Wir haben genug Zeit, wenn wir sie nur richtig verwenden“ … meinte im 18. Jahrhundert ein kluger Mann, Johann Wolfgang Goethe. Mit der Zeit, das ist ja so eine Sache. Mal dehnt sie sich aus wie Kaugummi und mal vergeht sie so schnell, dass man beim Blick auf die Uhr einen Schreck bekommt – wie Paulchen Panther, der ganz verwundert fragt „Wer hat an der Uhr gedreht, ist es wirklich schon so spät“? Wie kann man nun aber die Zeit richtig verwenden? Gibt es eine falsche und eine richtige „Verwendung“? Eines ist schon einmal klar: Wenn ich meine Zeit „verwende“, dann bin ich derjenige, der die Macht über die Zeit hat – und es ist nicht die Zeit, die wie ein Antreiber mit der Peitsche in der Hand hinter mir her läuft. Wird die Zeit aber wirklich mehr, wenn wir sie aktiv gestalten? Das setzt die Frage voraus, wie wir die Qualität der Zeit messen: Ist es wirklich die Dauer der Zeit, die ihr den Wert gibt? Oder hat sie ein anderes Geheimnis? – Jeder hat doch schon einmal erlebt, wie einen ein Lächeln, das ein Fremder einem unverhofft auf der Straße schenkt, durch den ganzen Tag tragen kann. Oder dass ein einziges liebevolles Wort sogar jahrelang in einem weiterwirken kann – beides „kostete“ nur einen kleinen Moment. Oder wie gut es sich anfühlt, wenn mir jemand seine ganze Aufmerksamkeit schenkt und mir wirklich zuhört, mit dem Herzen, – auch wenn es nur für wenige Minuten ist.

„Jeder Mensch hat seine Zeit. Und nur so lang sie wirklich die seine ist, bleibt sie lebendig.“
„Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen,“ heißt es in „Momo“, dem wunderbaren und weisen Roman von Michael Ende über das Geheimnis der Zeit. In „Momo“ rauben die Zeitdiebe, als graue Herren dargestellt, den Menschen die Zeit. Sie überreden sie, dass es das Beste ist, überall Zeit zu sparen, – beispielsweise den Kanarienvogel wegzugeben oder seine Oma nur noch einmal im Monat im Pflegeheim zu besuchen. Die Welt wird immer grauer und trostloser. Denn: „Alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben.“ Momo kommt den grauen Herren auf die Spur – und sie findet den Verwalter der Zeit, Meister Hora. Warum helfe er nicht den Menschen gegen die Zeiträuber, will Momo von ihm wissen. Er antwortet: „Das, was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.“

 

Buchempfehlung der WIR-Redaktion: Momo von Michael Ende
Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Ein Märchen-Roman. Erschienen im Verlag K. Thienemanns, Stuttgart.

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