15.10.2016 · Redaktion
Wir verstehen uns!

Warum es wichtig ist, dieselbe Sprache zu sprechen


Für über die Hälfte der Mitarbeiter der Gaggenauer Altenhilfe ist Deutsch nicht die Muttersprache. Meida Okanovic aus Jugoslawien und Kristina Krsic aus Kroatien gehören dazu. Sie erzählen, wie es ihnen ergangen ist, als sie nach Deutschland kamen. Und: warum es wichtig ist, gut Deutsch zu können. In der Pflege kann ein Missverständnis dramatische Auswirkungen haben. Ein falsch verstandenes Wort, beispielsweise im Gespräch mit einem Arzt, kann im schlimmsten Fall sogar Leben kosten.

Manchmal steht man ganz schön dumm da, in der Fremde, die die neue Heimat werden soll, obwohl man ja gar nicht dumm ist. Mann kann nicht mitlachen, wenn jemand einen Witz erzählt. Fühlt sich einsam, obwohl man unter Menschen ist. Man kann der Bitte eines Bewohners nicht nachkommen. Und bei einem wichtigen Telefonat drückt man den Apparat lieber schnell einem Kollegen in die Hand. „Das habe ich selbst erlebt. Es war eine examinierte Pflegerin aus Russland, die als Aushilfe in unserem Wohnbereich war. Sie hatte Angst, etwas falsch zu verstehen oder zu sagen. Gott sei Dank war jemand da, der helfen konnte,“ erzählt Meida.

Was aber, wenn niemand da ist, um zu übersetzen? Und wenn es sich dann um einen Notfall handelt?
Meida spricht nahezu perfekt deutsch. Als sie 1988, mit 20 Jahren, aus Jugoslawien nach Deutschland kam, konnte sie kein einziges Wort. Ihr war klar, dass sie sich trauen musste, den Mund aufzumachen, auch wenn die richtigen Worte noch fehlten. Denn das ist der einzige Weg, um sich irgendwann als gleichwertiger Teil der Gemeinschaft zu fühlen. Um andere zu verstehen und verstanden zu werden. „Und um auf der Arbeit helfen zu können, wenn mal was klemmt“, sagt Meida. Die deutsche Sprache ist außerdem der Schlüssel, persönliche Ziele zu erreichen. Als beispielsweise Meida von der Gaggenauer Altenhilfe eine Absage auf ihre Bewerbung als Reinigungskraft für das damals neugebaute Oskar-Scherrer-Haus erhielt, ging sie schnurstracks in Personalbüro und fragte nach den Gründen. „Wir haben schon genügend Reinigungskräfte. Wir suchen jetzt noch Pflegehelferinnen“, war die Antwort. Meida brauchte Arbeit, also ließ sie sich auf einen Tag Praktikum ein. Und daraus ist dann ihr Traumberuf geworden. Meida war kein Kriegsflüchtling, die Jugoslawien-Kriege brachen wenige Jahre später aus, heute heißt ihr Herkunftsland „Bosnien-Herzegowina“.

Sie kam der Liebe wegen. Sie hatte ihren späteren Mann auf der idyllischen slowenischen Seeinsel Bled kennengelernt, wo sie in einem Hotelcafé arbeitete. Er ist in Deutschland aufgewachsen, seine Eltern sind Gastarbeiter aus Kroatien. Als Bundeswehrsoldat war er ein Jahr lang in Slowenien stationiert. Er machte ihr einen Heiratsantrag – und wo eine Liebe, da ein Weg: Meida ging mit ihm nach Deutschland. „Ohne ein Wort deutsch zu können“, sagt sie lachend. Wenn sie zusammen waren, übersetzte ihr Mann. Aber wenn ihr Mann auf der Arbeit war? Einkaufen, zum Kinderarzt gehen, der Alltag mit dem Kind, das sei alles andere als einfach gewesen. „Unserem armen Baby habe ich anfangs die Milch viel zu dick gemacht, ich konnte ja nicht lesen, was auf der Verpackung stand,“ lacht sie.

Ihr Trauzeuge paukte immer und immer wieder mit Meida Wörter, Zahlen, kurze Sätze. „Was mir auch sehr geholfen hat, das war deutsches Fernsehen zu schauen, Serien und Liebesfilme, Dallas und Denver, beim Bügeln, bei der Hausarbeit“. Aber hier im Murgtal, da schwätzen sie ja ganz anders. ´Jo, hock di mol noo´ und so.“ Da ist es wieder, das strahlende Lachen von Meida. Ihr macht es riesig Spaß, den badischen Tonfall zu imitieren – auch weil sie weiß, dass sie den Bewohnern damit ein Gefühl von Zuhause geben kann. Auch Kristina hat Fernsehschauen beim Deutschlernen sehr geholfen, Kinderfilme, und Zeitunglesen. Sie hat allerdings schon in der Schule in Kroatien Deutsch gelernt, bevor sie mit 17 Jahren, im April 2014, hierhin kam. Auch sie muss lachen, wenn es um den badischen Dialekt geht. Obwohl es ja eigentlich ganz schön deprimierend ist: Da denkt man, man kann schon ganz gut Deutsch und versteht dennoch nicht viel. Denn jetzt heißt es auf einmal „Wägele“ statt Rollator. Oder eine Bewohnerin sagt: „Leg mir bitte einen Teppich um“ und man denkt, sie sei verrückt geworden. Wie soll man aber auch auf die Idee kommen, dass im Badischen ein Teppich eine Decke ist? Und bei Sprichwörtern wie „Im Dunkeln lässt sich gut munkeln“ versteht man dann „nur noch Bahnhof“.

Ihr war klar, dass sie sich trauen musste, den Mund aufzumachen,auch wenn die richtigen Worte noch fehlten
„Die Dinge mit Humor nehmen und einfach nachfragen, wenn man was nicht versteht“, empfiehlt Meida. „Die Bewohner reagieren alle sehr nett – und auch die Kolleginnen und Kollegen. Da hab´ ich noch nie etwas Negatives erlebt und oft haben ja auch alle etwas zu lachen. Sich einfach trauen, zu sprechen! Aber klar, ich habe am Anfang auch Situationen überspielt, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Da hat man so seine Techniken, ablenken oder das Thema wechseln“, gibt sie offen zu.

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Kristina nickt vielsagend. Sie ist erst seit wenigen Wochen bei der Gaggenauer Altenhilfe – und schon wird sie interviewt. Aber sie stellt sich tapfer der Situation. Sie erzählt, dass ihr das Internet beim Deutschlernen helfe, googeln und auf Facebook kommunizieren. Auch mit ihren kroatischen Freunden spreche sie deutsch, um die Sprache besser zu lernen – und natürlich im Fitnessstudio, in das sie regelmäßig geht. In der Schule käme sie auch gut mit, nur „Recht in der Pflege“, das sei wirklich für sie sehr schwierig. Aber ihr deutscher Onkel, bei dem sie in Rastatt wohnt, helfe ihr dabei. „Ich bin nach Deutschland gekommen, um etwas mit Medizin zu machen. Die Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten in Kroatien sind sehr schlecht“, sagt sie. In der Gaggenauer Altenhilfe ist sie gleich auf der Demenzstation eingesetzt worden, allerdings bringt sie ein Jahr Praxiserfahrung aus einer anderen Senioreneinrichtung der Region mit.

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Wie kommt sie damit klar? „Kein Problem“, sagt Kristina tough. Sie ist von klein auf den Umgang mit Senioren gewohnt, wenn auch nicht mit dementen. Ihre Mutter ist Krankenschwester und betreibt ein kleines staatliches Seniorenwohnheim für acht Menschen direkt neben dem Haus der Familie, in Virovitica, einer kleinen Stadt an der Grenze zu Ungarn, die früher zu Jugoslawien gehörte. Und ihre Tante in Rastatt ist das, was Kristina werden will: examinierte Altenpflegerin. Meida hat auch schon mal darüber nachgedacht, die Ausbildung zur Altenpflegerin zu machen, „nach 12 Jahren Pflegehelferin auf derselben Station, in einem super Team“.

Aber wäre das finanziell zu stemmen? Und wieviel Zeit bliebe ihr bei dieser ganzen Bürokratie und dem hohen Kommunikationsaufwand mit Angehörigen und Ärzten für den direkten Kontakt mit den Bewohnern, den sie so liebt?

Bei Schichtbeginn gibt’s für ihre Schützlinge erst einmal ein „Guten Tag, Sonnenschein“ und ein Küsschen. Eine Bewohnerin, die kaum mehr spricht, wartet jeden Morgen mit ausgebreiteten Armen in ihrem Bett auf ihr „Drückerle“ von Meida. Da verstehen sich dann zwei ganz ohne Worte. Mit der Sprache des Herzens.

 

 

Checkliste für ein besseres Verständnis – Tipps aus der WIR-Redaktion

Für Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen:

  • Mutig sein! Eurer Deutsch wird nur besser, wenn ihr Euch traut, es zu sprechen.
  • Eigenverantwortung übernehmen!
  • Deutsch büffeln!
  • Sich selbst belohnen bei Fortschritten (Schokoladenkuchen, Rosenbad usw.)
  • Sich mit Menschen austauschen, die einen verstehen, trösten und aufmuntern, wie Meida und Christina (E-Mail-Adressen einfügen)

Für deutsche Mitarbeiter:

  • Nett sein!
  • Ein aufmunterndes Lächeln kostet keine Zeit.
  • Verständnisvoll sein! Es ist nicht so einfach, seine Heimat zu verlassen und jede(r) hat einen wichtigen Grund dafür, es zu tun.

Für die Geschäftsleitung:

  • Deutschkurse für ausländische MitarbeiterInnen anbieten oder vermitteln
  • Bei der Einstellung einfordern, dass sich die Deutschkenntnisse in einem bestimmten Zeitraum verbessern.

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