15.10.2016 · Redaktion
„Für viele ist unser Besuch der einzige am Tag.“

Auf Tour mit Frau Gerda Unser vom Ambulanten Dienst

Es ist 6 Uhr morgens, es ist dunkel und ungemütlich. Regen hat sich mit Herbstlaub vermischt und die Straßen eingeseift. Frau Unser weiß jetzt schon, sie wird Zeit verlieren, auf ihrer Morgentour, auf der sich ohnehin im Berufsverkehr zusätzliche Minuten Fahrzeit addieren. Im Büro des Ambulanten Dienstes der Gaggenauer Altenhilfe angekommen, verschafft sie sich erst einmal einen Überblick an der Tafel. Ist von den Klienten jemand gerade nicht zuhause anzutreffen, weil er bei Angehörigen, im Krankenhaus oder in der Kurzzeitpflege ist? Liegen neue ärztliche Verordnungen vor? Gab es einen Notruf in der Nacht?

Dann studiert sie genau das Übergabeprotokoll zu ihren Klienten. Hier ist präzise notiert, wie der Gesundheitszustand ist, was zuletzt getan wurde und ob es Besonderheiten gab. Aha, Frau Müller* wollte gestern nichts trinken und Herr Becker hat seine Kreislauftabletten abgelehnt, auf ihn wird sie ein besonderes Auge haben. Frau Unser packt alle Schlüsselbunde zusammen, die Medikamentenrationen und Insulin- und Thrombosespritzen und klemmt sich einen dicken Aktenordner mit Patientenunterlagen unter den Arm. Ab ins Auto und los geht’s.

„Für mich passt das, dass es beim Ambulanten Dienst schnell gehen muss. Ich bin ja auch so eine Schnelle, mit allem. Ich muss mich immer zügeln, dass ich nicht so schnell spreche, sonst versteht mich keiner. Ja, und ich hab leider auch eine ganzen Mappe voller Strafzettel, und das, obwohl ich jede Radarfalle kenne.“ Acht Hausbesuche stehen heute an, die erste Station ist die Luisenstraße hinter dem Bahnhof, dann geht es hoch nach Michelbach. Die Tour ist eine ausgeklügelte Mischung aus einem logistisch vernünftig geplanten Streckenverlauf und den Terminwünschen der Klienten – so gut das eben überein eben. Allerdings bringen die Unwägbarkeiten zuhause bei den Senioren und die jeweiligen Wetter- und Straßenverhältnisse mit sich, dass sie nicht immer pünktlich sein kann.

„Manchmal steh ich im Stau oder es geht bei einem Klienten länger, weil beispielsweise die Beine heute nicht so wollen. Ich erkläre dann zwar immer meine Verspätung oder Verfrühung – das gibt’s auch bei uns – aber manche schimpfen trotzdem. Ich nehm´ ihnen das nicht krumm. Die Menschen sind halt so wie sie sind. Ich kann es auch gut verstehen, wenn man im Alter mal ausrastet, weil man manche Alltagsverrichtung nicht mehr so hinbekommt wie früher.“

Die erste Klientin wartet bereits im Bademantel in der Küche auf sie. „Sie sind ja schon munter, Frau Schmidt?“ – „Ja, ich kann halt nett so lange rumliegen, da plagt mich das schlechte Gewissen.“ Wer von klein auf schon anpacken musste, wie Frau Schmidt in der Landwirtschaft, und sein Leben lang hart gearbeitet hat, dem fällt es oft schwer, untätig zu sein. Frau Schmidt erzählt von den Kühen, die sie jeden Morgen schon um 4.30 Uhr melken musste, während ihr Frau Unser beim Duschen hilft. „Ich finde das interessant, wenn mir die Menschen von früher erzählen. Klar kann ich mich nicht auf eine Tasse Kaffee hinsetzen, aber wir plaudern während der Pflege.

Wenn jemand Kummer hat, dann lass ich ihn einfach reden. Das hilft auch schon. Viele sind einsam. Wir sind oft der einzige Besuch, den sie am Tag bekommen.“ Bei einem Sturz in der Küche hatte sich Frau Schmidt ihr Handgelenk gebrochen, natürlich das rechte, ärgert sie sich. Ihr Sohn lebt in München, der Mann ist schon verstorben, da ist sie froh, dass der Ambulante Dienst ihr im wahrsten Sinne des Wortes unter die Arme greift. Ohne sich gut festhalten zu können, kann der Schritt in die Badewanne unter Umständen lebensgefährlich sein. Für einen Umbau zur barrierefreien Dusche fehlt es an Geld. Einseifen, abbrausen, trocknen, kämmen, föhnen, anziehen.

Die Handgriffe von Frau Unser sind routiniert. Es sind mobilisierende Griffe, mit denen sie während der Pflege zugleich Muskeln, Sehnen und Bänder dehnt und stärkt. Der Klient soll dabei mitmachen, so gut er kann. 20 Minuten, nachdem Frau Unser bei Frau Schmidt angekommen ist, verlässt sie das Haus wieder, das offizielle Zeitkontingent für 1 x Duschen inklusive Begleitung ins Bad beträgt 25 Minuten. Jetzt schnell zu den Meiers nach Michelbach. „Wenn wir mit der aktivierenden Pflege jemand, der sonst nur im Bett gelegen hat, wieder etwas fit bekommen und er kann dann wieder sitzen, das ist toll.“

Mit der Unterstützung des Ambulanten Diensts bekommen Frau und Herr Meier ihren Alltag gemeinsam noch bewältigt. Sie sieht kaum mehr, er kann schlecht gehen. Frau Unser spritzt dem korpulenten Senior ein Thrombosemittel in den Bauch und misst den Insulinspiegel. „Ehepaare ergänzen sich oft mit dem, was sie noch können. Zuhause kommt man ja ohnehin noch am besten zurecht. Die Meiers haben zur Sicherheit auch ein Hausnotrufgerät. Frau Meier könnte ihrem Mann ja nicht aufhelfen, wenn er fallen würde. Da sind wir dann schnell zur Stelle, wenn es einen Alarm gibt.“ Bei Herrn Meier macht sich zunehmend eine Demenz bemerkbar. Je nachdem wie sich die Situation entwickelt, wird Frau Unser das Paar und die Angehörigen über die Möglichkeiten einer Tagespflege beraten. Für solche Gespräche braucht es oft Fingerspitzengefühl und manchmal auch die richtige Taktik. „Da haben wir so unsere Strategien. Gerade bei alleinstehenden Menschen, wenn wir sehen, es geht nicht mehr zuhause, sie bringen sich und andere in gefährliche, lebensgefährliche Situationen, wollen aber nicht ins Pflegeheim, dann versuchen wir schon nachdrücklich, sie dazu zu überzeugen, dass sie die Kurzzeitpflege einmal ausprobieren und sich so mit der stationären Pflege vertraut machen.“ Später bei Frau Müller stellt Frau Unser an drei Stellen in der Wohnung gefüllte Wassergläser hin, Erinnerungszettel und volle Flaschen daneben, die sie schon einmal aufdreht. „Frau Müller, Sie müssen trinken, damit sie fit bleiben. Ihre Erinnerungslücken, das kann vom Trinken kommen. Jetzt nehmen Sie gleich einmal einen großen Schluck.“ Frau Müller trinkt, Frau Unser ist zufrieden. „In den eigenen vier Wänden kann natürlich jeder machen, was er will. Aber wir erinnern unsere Kunden an Trinken und Essen, begleiten die Medikamenteneinnahme, weisen sie auf abgebrannte Kerzen im Adventskranz hin, wir schauen nach Stolperfallen oder ob die Bremsen am Rollstuhl noch gut sind. Oder wir rufen beim ärztlichen Bereitschaftsdienst an, wenn medizinische Fragen zu klären sind.“

Als Altenpflegerhelferin mit einer einjährigen Ausbildung kümmert sich Frau Unser hauptsächlich um die Körperpflege und leistet Hilfe bei der Mobilisation und Lagerung. Bei ihren Kolleginnen, die eine dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin absolviert haben, umfassen die Tätigkeiten auch die Verband-, Katheter- oder Stomapflege. Jeder Handgriff muss genau dokumentiert werden und auch die Kommunikation mit Ärzten und Angehörigen. Verweigert ein Klient beispielsweise die Tabletteneinnahme, muss der betreffende Arzt verständigt werden. „Das ärgert mich dann schon, wenn mir dieser Zeitungsartikel über die Mängel in unser Dokumentation unter die Nase gehalten wird und es heißt, was sind Sie denn für ein schlechter Ambulanter Dienst – und das von Menschen, um die wir uns mehrmals die Woche sehr gut kümmern. Wir hatten eine schwierige Personalsituation, eine Kollegin war schwanger und zwei krank, und dazu die Umstrukturierung, da ist die Dokumentation etwas unter die Räder gekommen.
In Zukunft achten wir mehr drauf, alles exakt zu dokumentieren. Wir haben ja jetzt auch eine neue Pflegedienstleitung.“ Zurück im Büro füllt sie alle Papiere und das Übergabeprotokoll aus. „Der Computer ist für mich ein rotes Tuch, da hab´ ich schon viel durcheinandergebracht. Ich bin ein hoffnungsloser Fall.“ Sie darf als einzige handschriftliche Notizen hinlegen, die Kolleginnen für sie nachtragen.  13 Uhr 30. Die Morgenschicht von Frau Unser ist zuende. Sie ist froh, dass alles glatt lief und es keine medizinischen Notfälle gab. Zuhause erwartet sie nun ihr Mann, der selbst pflegebedürftig ist. „Viele fragen mich, wie kannst Du denn in der Pflege arbeiten, wenn Du einen gehbehinderten Mann zuhause hast? Für mich ist das einfach normal. Ich arbeite sehr gern im Ambulanten Dienst. Einen anderen Beruf kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Die Menschen sind in ihrem eigenen Zuhause. Da kann jeder leben, wie er will. Das ist so schön, das zu sehen.“

 

*Frau Müller, Herr Becker, Ehepaar Meier, Frau Schmidt: Die Personen stehen alle beispielhaft für die Menschen, die der Ambulante Dienst betreut.

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