14.10.2016 · Redaktion
„Man muss eine breite Seele haben“

Besuch bei Gerhard Eibler, einem Gründungsvater der Gaggenauer Altenhilfe

Ein Jahr alt ist das Gerhard-Eibler-Haus im Juni geworden – und 88 Jahre sein Namenspatron im August. Gleich zwei schöne Anlässe auf einmal für den Geschäftsführer der Gaggenauer Altenhilfe Peter Koch, Gerhard Eibler zu besuchen.
Immer höher schlängeln sich die Straßen in Hörden hinauf bis zu dem Reihenhaus, in dem der pensionierte evangelische Pfarrer mit seiner Frau lebt. Eine strahlende Frau Eibler öffnet schwungvoll die Tür, Herr Eibler, dem das Gehen nicht mehr so leichtfällt, wartet im Wohnzimmer. Sie begrüßen ihren Gast mit viel warmherzigen Charme und Humor.

Vom Wohnzimmer aus schweifen die Augen über ganz Gaggenau. Bei blauem Himmel wie heute reicht der Blick bis hin zu den Vogesen und in die Pfalz. „Kommen Sie einmal mit auf den Balkon. Das ist mein Lieblingsplatz. Hier kann ich den ganzen Tag fern sehen“, lacht Pfarrer Eibler. Eigentlich wollten sie eine Wohnung in der Stadt, als sie 1972 von Mannheim nach Gaggenau zogen. Doch Gerhard Eibler hatte sich in diesen Balkon und die Bauweise des Hauses mit seinen offen gestalteten Ebenen verliebt. Jetzt im Alter werden die vielen Treppen für ihn zunehmend zur Herausforderung. Seine Frau kann sie noch leichtfüßig nehmen, und das mit ebenfalls 88 Jahren.

„Wie war das denn für Sie gewesen, als Ihnen Oberbürgermeister Florus die Idee antrug, das neue Haus der Gaggenauer Altenhilfe nach Ihnen zu benennen?“, fragt Peter Koch Gerhard Eibler. Erst zweimal sind sich die beiden bisher begegnet. Bei der 40-Jahr-Feier des Vereins der Gaggenauer Altenhilfe hatten sie kurz gesprochen, bei der Einweihung des Gerhard-Eibler-Hauses etwas länger. Nun ist endlich einmal Gelegenheit, mehr von dem letzten noch lebenden (?) Gründungsvater der Gaggenauer Altenhilfe zu erfahren. Erst müssen sie aber nochmal die Plätze auf dem Sofa tauschen, Pfarrer Eibler ist auf dem rechten Ohr taub.

Ganz offen erzählt Pfarrer Eibler, dass er vom Oberbürgermeister erst einmal wissen wollte, wieviel Aufwand die Haus-Patenschaft bedeuteten würde. Schließlich sei er ein hochbetagter Mann. Als Florus ihm dann zusicherte „nicht viel, nur ab und zu mal eine Rede halten“ sagte er zu. Frau Eibler ergänzt, sie seien aber durchaus stolz gewesen. „Nicht, dass ich das so wichtig nehme“, meint sie. „Aber es ist doch eine Ehre für uns. Ich habe auch gleich unsere Söhne angerufen und ihnen gesagt, findet ihr das nicht schön, wenn wir mal nicht mehr sind, dann ist unser Name immer noch bekannt in Gaggenau.“

Als die Eiblers 1972 nach Gaggenau kamen, gerieten sie mitten hinein in die Gründungszeit des ersten großen Altenheims der Stadt. Zu dieser Zeit waren Altersheime eine noch relativ neue Erscheinung. Der Bedarf an Unterbringungsmöglichkeiten für Senioren stieg rapide – in einer Welt, in der die Jungen immer mobiler leben und die Versorgung der Eltern in der Familie nicht mehr leisten können oder wollen. „Wie war das damals gewesen, in der Gründungsphase?“, möchte Peter Koch wissen. Und Gerhard Eibler erzählt.

„Ein neuer Pfarrer muss sich natürlich beim Bürgermeister zeigen und so bin ich zu Dr. Dahringer mich vorstellen gegangen. Gleich nach dem Guten Tag fragt er mich ,Was sagen Sie zum Altersheim?´ Ich erzählte, dass ich Altersheime aus meiner Zeit in Mannheim, Durlach und Bruchsal kenne, und er entgegnete ,Das haben wir gehofft, dass Sie Erfahrung haben. Also bauen Sie es, Herr Pfarrer.´ Das diakonische Werk sollte es finanzieren. Die haben abgewunken, sagten aber eine Unterstützung mit Zuschüssen zu. Viele Menschen gaben Spenden, Firmen schlossen sich an. Die Idee, ein Wohnheim für ältere Leute zu schaffen, war damals in ganz Gaggenau verbreitet. Als es um die Finanzierung der Innengestaltung der Kapelle ging, hatte ich die Idee, jeder gibt einen kleinen regelmäßigen Beitrag, ob Christ oder Nichtchrist. Also gründeten wir einen Verein (???), mit Helmut Dahringer, mir und meinem katholischen Kollegen Oskar-Scherrer als Vorstände. Ja, und dann gingen wir für 2, 3 Tage auf Tour. Wir zogen von Altersheim zu Altersheim, im ganzen baden-württembergischen Raum, und fragten: ,Was ist gut bei Euch?´ und: ,Was ist nicht gut bei Euch?´ Wir schauten uns an, wie alles gebaut war. Wie sollte das Klo gemacht werden, das Bad, wie kann eine Benachrichtigung erfolgen, wenn jemand umfällt, und so weiter, da war ja allerhand zu überlegen.“

Peter Koch nickt. „Herr Eibler, wir haben das genauso gemacht, bevor wir das Gerhard-Eibler-Haus bauten. Wir sind durch ganz Deutschland gezogen, um uns ein eigenes Bild zu machen und von den Erfahrungen anderer zu lernen.“ – „Ja, man braucht nicht die Fehler der anderen nachmachen, oder? Was der größte Fehler damals war: Man brachte die Senioren in der freien Natur unter, an der guten frischen Luft, außerhalb der Stadt. Die alten Leute wollen ja aber doch zum Fenster rausgucken und schauen, wie die Schulbuben heimkommen und wie die Mädchen auf die Buben gucken und die ihnen wieder hinterher pfeifen. Die Leute wollen nicht in die Stille abgeschoben werden, sondern am Leben teilhaben.“ In Gaggenau machte man es deshalb anders und baute das Helmut-Dahringer-Haus in der Mitte der Stadt. 40 Jahre später ist genau dieses Konzept, den Senioren die Teilhabe am Leben zu ermöglichen, so aktuell und richtig wie zur Gründungszeit. Diese Teilhabe noch weiter auszubauen, ist der zentrale Gedanke beim Umbau des Hauses zum Quartiershaus. Die Einbeziehung von Vereinen, Schulen und Bürgern wird noch weiter verstärkt.

„Allerdings, lieber Herr Koch, jedes große Projekt geht nicht vonstatten, ohne dass man stolpert,“ fügt Pfarrer Eibler an. „Wir hätten, als alles fertig war, gleich wieder neu planen können. Wir hatten zum Beispiel für viel Geld ein Schwimmbad gebaut, denn wir wollten den alten Leuten wieder Dampf machen.

Aber was war? Keiner benutzte das Schwimmbad. Die Senioren wollten halt nicht den anderen ihre noch übriggebliebenen Schönheiten zeigen. Wollten Sie sich etwa als alter Mann in der Badehose präsentieren?“ Peter Koch schmunzelt, Frau Eibler wirft ein: „Man muss mal bedenken, wie luxuriös das war, ein Schwimmbad im Altersheim! In dem kleinen alten evangelischen Pflegeheim neben der Markuskirche gab ja nur ein Bad pro Etage, und das noch mit völlig veralteten sanitären Einrichtungen. Dort bestimmte Schwester Lisbeth im Feldwebelton, welcher Bewohner es an welchem Wochentag benutzten durfte. Sie führte das Heim mit sehr strenger Hand. Aber sie nähte auch nachts noch Nachthemden, als Geschenk, wenn ein Bewohner andertags Geburtstag hatte, oder buk Keks. Eine raue Schale, aber das Herz am rechten Fleck, die Schwester Lisbeth.“

„Gab es nicht auch ein katholisches Pflegeheim als Vorläufer?“ will Peter Koch wissen. „Ja“, meint Frau Eibler, „in der August-Schneider-Straße, aber die hatten es schon lange vor dem Helmut-Dahringer-Haus aufgegeben.“ Pfarrer Eibler blickt liebevoll zu seiner Frau. „Meine Frau, die weiß das alles noch ganz genau, alle Daten und Namen. Sie kannte jeden. Sie hatte auch den evangelischen Besuchsdienst im Altersheim geleitet und den Seniorenkreis, sie schickte die Einladungen noch schriftlich an jeden persönlich. Und wenn jemand Sorgen hatte, ja, wo hat der angerufen? Beim Pfarrer natürlich. Und wo ist er gelandet? Bei meiner Frau. Einmal hab´ ich sogar die Predigt ausfallen lassen. Da sagte meine Frau zu mir ,Gerhard, du musst sofort ins Helmut-Dahinger-Haus, die Frau Müller ist so verzweifelt, die tut sich noch was an.´ Ich hab gedacht, das alte Frauchen, das nehm´ ich gleich mal in den Arm, tu sie ein bisschen streicheln, dass sie merkt, da ist jemand, der meint es gut mit ihr. Ich hab sie dann ans Fenster geführt und ihr die Blumen gezeigt und gesagt, schau, wie hübsch die sind und dort drüben ist ein Schmetterling und wie fein die Sonne scheint. Am Ende hat sie mich tatsächlich angelächelt. Das war so schön, das habe ich bis heute nicht vergessen.

Einmal ist aber tatsächlich ein Mann aus dem Fenster gesprungen. Das war ganz schlimm. Da hab´ ich mir als Pfarrer natürlich Vorwürfe gemacht, bin ich zu wenig zu ihm hin? Manchmal bin ich auch verwechselt worden, als Sohn oder als Ehemann. Das hab´ ich alles mitgemacht. Ach, da war auch einmal eine Frau ganz böse auf mich. Was ist denn los, hab´ ich sie gefragt. ,Sie waren kürzlich hier im Haus´, sagt sie aufgebracht, ,und haben die Frau neben mir besucht und bei mir, da haben sie aber nicht reingeschaut und ich war immer eine gute Christin gewesen.´ ,Oh, das tut mir arg leid und das nächste Mal pass ich besser auf´, hab´ ich geantwortet, ,da komm ich auch bei Ihnen rein.´ Gleich am nächsten Tag hab ich an ihrer Tür geklopft und gesagt ,Schau, da bin ich.´ Oh, da hat sie aber gestrahlt. Ja, es ist das volle Menschenleben in einem Altersheim – Da muss man eine breite Seele haben, um das alles zu verdauen. Aber ich habs doch immer gern gemacht.“

Frau Eibler kommt behende aus der Küche mit einer Flasche Sprudel und drückt sie Herrn Koch in die Hand. Auch beim Erzählen ist sie energiegeladen, „temperamentvoll“, meint ihr Mann augenzwinkernd. „Würden Sie bitte die Flasche aufdrehen? Ich mach ja noch viel im Haushalt, aber Kraft habe ich keine mehr in den Armen. Und sagen Sie doch mal, wie sieht es denn aus mit dem Betreuten Wohnen im Helmut-Dahringer-Haus, wann können wir einziehen? Wir können ja nicht mehr Auto fahren. Unsere Putzfrau hilft uns bei Besorgungen, unsere Kinder helfen auch viel, machen den Garten, der Nachbar schippt Schnee, aber hier in Hörden können wir ja noch nicht einmal ein Brot kaufen ohne Auto. Und wie gerne mache ich doch mal einen Stadtbummel, da treffe ich immer Bekannte von damals, und man nimmt sich in den Arm, richtig schön ist das. Letztens sind wir mit dem Taxi nach Gaggenau, stellen Sie sich vor, was das gekostet hat, 30 Euro, das kann man ja nicht alle Tage machen. Unser Sohn kommt schon zum Ausmisten. Wir müssen uns von vielem trennen, unsere Küche, das Esszimmer, und ein neues Bett müssen wir kaufen. Mein Mann hat sich ja immer gesträubt, aber wer weiß, wie es gesundheitlich weitergeht?“ – Herr Eibler nimmt die Hand seiner Frau in die seine und sagt versöhnlich. „Jetzt sträube ich mich nicht mehr“.

Bis Herbst 2017 müssen sie sich noch gedulden, bis der Umbau abgeschlossen ist, erklärt ihnen Peter Koch. Wenn es ihnen eilt, käme nicht auch das Gerhard-Eibler-Haus in Frage, wenn dort ein Platz frei wird? „Also ich kann mir eine Wohngemeinschaft mit fremden Menschen nicht vorstellen“, sagt Frau Eibler. „Wir pflegen gerne Kontakte, laden gerne einmal ein, wir wollen aber auch in Ruhe gelassen werden und unsere eigenen vier Wände haben. Ich fühle mich auch noch nicht reif für ein Altersheim. Das betreute Wohnen, eine eigene Wohnung mit Hilfe bei Bedarf, das ist das Richtige für uns.“

Viele Jahre haben sich die Eiblers um die Senioren im Helmut-Dahringer-Haus gekümmert, jetzt vertrauen sie sich selbst der Gaggenauer Altenhilfe an. Für ein gemeinsames Erinnerungsfoto geht es noch einmal raus auf den Balkon, den Herr Eibler so liebt. Eins ist klar: Auch im Helmut-Dahringer-Haus werden die Eiblers eine Wohnung mit Balkon haben. Einen mit einer weiten Aussicht über Gaggenau. <

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