14.10.2016 · Redaktion
„Das Wichtigste ist die Freude am Beruf!“

Wie die Praxisanleiterin Sabrina Weiler ihre Azubis begleitet

Bei der Frage, was das Wichtigste ist, das sie vermitteln möchte, muss Praxisanleiterin Sabrina Weiler kurz überlegen. „Es ist ja so vieles wichtig: der Umgang und die Kommunikation, das Zeitmanagement, die genaue Wahrnehmung der Bewohner, die Dokumentation. Aber das Wichtigste … ja, das ist die Freude am Beruf. Freude haben und Freude verbreiten!“ Genau diese Freude strahlt Sabrina Weiler selbst aus, von Kopf bis Fuß, und ist damit dem Nachwuchs ein gutes Vorbild.

Warum ist Freude auf der Arbeit wichtig, Frau Weiler?
Die Bewohner sollen auch im Alter ein schönes Leben haben. Viele Senioren haben ja erst einmal Heimweh, wenn sie hierhin kommen. Da ist es wichtig, dass wir ein Lächeln im Gesicht haben und ihnen ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Ein Heim hat ja auch viele Vorteile und Positives. Das sollen sie erleben.
Und auch für uns und für das Team ist es wichtig, Spaß bei der Arbeit zu haben. Wenn man etwas gern macht, ist man auch gut darin. Man geht zufrieden nach Hause und hat Energie für den nächsten Tag. Was ist für Sie das Schönste an der Altenpflege? Dass man immer herzlich willkommen ist! Und die Vielfalt: Wir sind ja nicht nur Pfleger im eigentlichen Sinne, sondern auch Modeberater und Friseur, Animateur und Seelsorger, Telefonzentrale und Ansprechpartner für Angehörige, manchmal sogar Schauspieler – in der Rolle des Enkels oder der Tochter zum Beispiel. Sicher gibt es doch Tage, an denen es von allen Seiten Frust und Ärger hagelt. Was raten Sie den Jugendlichen, wie sie damit umgehen sollen? Das darf man nicht persönlich nehmen. Am besten redet man darüber und wird den Frust los. Die Azubis können zum Reden auch zu mir kommen, dafür bin ich ja auch da, an meinen Praxisanleitungstagen.

Wie war Ihr Weg zur Praxisanleiterin bei der Gaggenauer Altenhilfe? 
Ich wollte eigentlich Kinderkrankenschwester werden, aber nach der Schule, mit 15 Jahren, war ich noch zu jung dafür. Ich habe dann ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Pflegeheim in Baden-Baden gemacht, wo ich voll im Schichtdienst im Einsatz war. Das war heftig, aber ich habe nicht gemeckert. Was ich heute übrigens bereue, dass ich nichts gesagt hab. Aber ich habe sehr viel gelernt in der Zeit und gemerkt, dass die Altenpflege absolut meins ist. Meine Ausbildung habe ich dann bei der Gaggenauer Altenhilfe gemacht, 2008 war Examen und seit 2012 bin ich Praxisanleiterin.

Was genau machen Sie als Praxisanleiterin?
Ich habe zwei Tage in der Woche, an denen ich für die Auszubildenden freigestellt bin. Da begleite ich sie einzeln oder übe mit ihnen in der Gruppe. In der Schule lernen die Auszubildenden ja sehr viel. Hier ist dann die Realität, der Alltag. Wie manage ich meine Aufgaben, dass ich alles erledigt bekomme, und wie teile ich alles ein, dass ich jedem gerecht werde? Wie setze ich Prioritäten, wo kann ich Abstriche machen, wo nicht? Außerdem sind Wahrnehmungsschulung und Selbsterfahrung ganz wichtig. Die Jugendlichen füttern sich gegenseitig oder müssen mit verbundenen Augen aus einer Schnabeltasse trinken, sie werden für den Transfer von Bett in den Rollstuhl ins Tuch gehängt oder im Bett umgelagert. So entwickeln sie mehr Empathie und Verständnis für die Bewohner. Wir üben auch die richtige Kommunikation mit den Bewohnern. Einmal im Vierteljahr haben wir übrigens ein Treffen aller Ausbildungsjahrgänge, wo sie in lockerer Runde voneinander lernen und sich austauschen können. Außerdem sind Wahrnehmungsschulung und Selbsterfahrung ganz wichtig. Die Auszubildenden schlüpfen in die Rolle der Bewohner: Sie trinken mit verbundenen Augen aus einer Schnabeltasse und geben sich gegenseitig Essen. Oder sie liegen im Pflegebett und werden umgelagert. So entwickeln sie mehr Empathie und Verständnis. Wir üben auch die richtige Kommunikation mit den Bewohnern. Was ist denn in der Kommunikation mit den Bewohnern wichtig? Das fängt an, dass ich anklopfe, bevor ich ins Zimmer gehe und damit zeige, dass ich die Intimsphäre respektiere. Oder dass ich den Bewohner informiere, was ich gleich mit ihm machen möchte. Wenn man kann, sollte man sich auch an seine Sprache anpassen, zum Beispiel mehr Dialekt sprechen oder Hochdeutsch. Und mit demenziell veränderten Bewohnern spricht man am besten in kurzen, klaren Sätzen. Was gefällt Ihnen an Ihrer Tätigkeit als Praxisanleiterin? Ich lerne immer etwas Neues dazu. Und ich finde es auch schön, zu sehen, wie sich die Azubis entwickeln. Anfangs sind sie so übervorsichtig, da sagen die Bewohner auch schon mal „Du kannst mir ruhig fester über den Buckel rubbeln“. Und wenn man sie dann großgekriegt hat und sieht, dass sie gute Fachkräfte geworden sind – ich freue mich immer total mit, wenn sie die Prüfungen … Moment mal, ich muss gerade der Kollegin helfen,bin gleich wieder da. Sabrina Weiler läuft in den Aufenthaltsraum, um mitanzupacken. Während des Interviews hat sie immer auch das Geschehen und ihre Schützlinge dort im Auge. Alles im Blick haben, Verantwortung übernehmen, füreinander da sein im Team, das alles ist ihr wichtig. So, da ist sie wieder, das Interview kann weitergehen. Welchen Eindruck haben Sie, was die Jugendlichen auszeichnet, die sich für den Beruf des Altenpflegers entscheiden? Ich denke, dass sie feinfühliger sind als die Jugendlichen sonst und erlebe auch, dass sie schnell Empathie entwickeln. Wir haben wirklich viele tolle und motivierte Auszubildende. Aber ich vermisse doch im Vergleich zu früher mehr Durchhaltevermögen und Disziplin, einigen fehlt die Power. Die neue Generation ist da irgendwie anders. Aber nun, sagen wir mal so, sie haben eine andere Art von Power.

Gibt es auch etwas, dass sie von den Jugendlichen lernen können?
Ja doch, die Gelassenheit. Sie sehen die Dinge lockerer, „gechillt“. Ich sehe aber auch, dass die Jugendlichen heute mehr Probleme als früher mitbringen, mehr aus zerrütteten Verhältnissen stammen. ´Bei denen stimmts daheim nicht´, sagt man ja hier im Murgtal. Ich kenne so was aus meinem Umfeld und meiner Familie ja gar nicht. Vielleicht ist die Welt im Murgtal noch ein bisschen mehr in Ordnung als anderswo. Die Altenpflege ist ja ein harter Beruf, der einem viel abverlangt. Man bekommt zwar viel zurück, aber man muss auch viel geben können. Das ist für problembeladene Jugendliche natürlich sehr schwer. Wie unterstützen sie die problembeladenen Jugendlichen? Ich rede mit ihnen und versuche sie, zu motivieren oder aufmuntern. Aber ich denke manchmal schon, dass ich eigentlich eine zusätzliche spezielle Ausbildung dafür bräuchte. Dann hätte ich mehr Möglichkeiten, sie zu unterstützen. Als Altenpflege trägt man ja auch eine große Verantwortung … Ja, absolut. Wir sind ja auf uns allein gestellt. Anders als im Krankenhaus ist kein Arzt da, den ich mal schnell rufen kann. Ich brauche alle meine Sinne, um den Gesundheitszustand der Bewohner genau wahrzunehmen. Wie ist die Aktivität, Mobilität, gibt es Veränderungen an der Haut oder beim Atem? Liegt ein Notfall vor oder nicht? Da muss ich ruhigbleiben und besonnen handeln, meistens noch dazu unter Zeitdruck. Wenn ich voll mit persönlichen Problemen bin, fehlt die richtige Konzentration. Es ist kurz vor drei, Marcel meldet sich zum Schichtbeginn bei Sabrina Weiler. Während seines Freiwilligen Sozialen Jahrs als Hauswirtschaftskraft hatte sie ihn als uninteressiert und zu ruhig erlebt. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er in die Altenpflege passe. Sie sprach dann offen mit ihm und schlug ihm vor, für einige Wochen in einem anderen Wohnbereich zu arbeiten, um bei unvoreingenommenen Kolleginnen eine neue Chance zu erhalten. Heute ist er im dritten Lehrjahr als Altenpfleger und Sabrina Weiler ist begeistert von seiner Entwicklung. Wir nutzen die Gelegenheit und stellen auch Marcel noch ein paar Fragen. Ihr habt als Altenpfleger schon ganz schön viel Verantwortung, oder? Ja, klar. Aber ich hab´ lieber mehr Verantwortung, weil ich dann bei der Sache bin und wach bleibe. Dann macht die Arbeit auch mehr Spaß. Wie geht es Dir denn nach Feierabend, bist Du nicht fix und fertig? Nein, gar nicht. Als ich ein Praktikum in einer Zimmerei gemacht hab, da war ich immer total kaputt. Oder in der Schule, wenn wir Schultage haben von acht bis 16 Uhr, das Rumsitzen und Lernen macht mich total müde. Aber die Altenpflege, mit Menschen zu arbeiten, das schlaucht mich gar nicht. Ist es nicht manchmal auch belastend, was Du hier erlebst, wenn es Bewohnern beispielsweise nicht gut geht? Das tut einem dann schon leid, wenn man das sieht. Aber ich kann das gut auf der Arbeit lassen. Das belastet mich privat dann nicht.

Was findest Du am Schönsten an Deinem Beruf?
Dass mir morgens von allen Seiten ein „Guten Morgen“ entgegenfliegt, also von den Bewohnern, die noch gut drauf sind. 

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